Freitag, 4. Mai 2012

Manche lernen's nie

Gerade las ich einen Artikel und wieder mal ging's über die Musikindustrie; verfasst von einem jungen österreichischen(?) "Professor für Kulturwirtschaft" ...ich hab' nachgeschaut: die "Kulturwirtschaft" fehlt noch in Eckhard Henscheids löblicher Sammlung "Alle 756 Kulturen. Eine Bilanz" (signierte Erstauflage 2001 bei Zweitausendeins, Frankfurt).
Sicher ein ehrenwerter Mann, der Professor. Doch:
Ich wusste sehr schnell wo's lang geht, denn bereits im ersten Satz setzte er Plattenfirma und Musikverlag gleich; der klassische Fehler unbedarfter Außenstehender, immer wieder und - wie man hier leider sieht - immer noch. Ich hörte sofort auf, weiterzulesen. Die Kommentare unter dem Artikel bestätigten dann meinen ersten Eindruck.
Hier meine Kommentare dazu, mit kurzen Zitaten aus dem Artikel oder aus den Leserkommentaren:
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... hm ...
Vielleicht sollte man solch' Artikel lieber einen Praktiker schreiben lassen. Denn schon der Anfang ist falsch: "fünf große Plattenkonzerne samt ihrer Musikverlage".
Zum hundertsten Male: Plattenfirmen und Musikverlage sind zwei völlig verschiedene Dinge, juristisch und auch sonst arbeiten sie völlig unabhängig voneinander.
Nur ein Beispiel, immerhin die BEATLES: Die Plattenfirma (der Band) war die E.M.I. - der Musikverlag (der Komponisten Lennon/McCartney wie auch Harrison und Ringo) war Northern Songs Ltd. und der hatte nix mit der EMI zu tun, sondern gehörte damals Lennon, McCartney, Brian Epstein und Dick James.
Beim ersten BEATLES-Album (bei EMI) waren sechs der Titel von anderen Komponisten/Textern - und die waren natürlich bei ganz anderen (wahrscheinlich sechs verschiedenen) Verlagen verlegt, die alle nix mit der EMI....
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... noch so einer ...
"... Und natürlich die GEMA. Aber das ist ein anderes Trauerspiel."
Trauerspiel? Vielleicht wissen Sie's nicht: Die GEMA ist in Deutschland der Zusammenschluss und die sehr notwendige Inkassostelle fast aller Komponisten und Musik-Texter, für eben alle diese Komponisten und Texter, ...die übrigens von diesen Einnahmen für die Benutzung ihrer Musik leben (müssen).
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... es hört nicht auf ...
"auch wenn er sein Urheberrecht abgeben muss"
Das geht nicht. Und MUSS schon gar nicht. Und das KANN er qua Gesetz überhaupt nicht. Was der Urheber (teuer oder weniger teuer, für eine bestimmte Zeit) 'abgeben' kann sind die Nutzungsrechte. (Falls Sie überhaupt den "Urheber" meinen und nicht den Interpreten, ...der wiederum ganz andere Rechte hat).
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... ich gebe auf ...
Disclosure: ich bin seit 42 Jahren im Musikgeschäft, an allen Fronten (unten, oben, Macher, Benutzter: Roadie, Tourleiter, Veranstalter, Plattenfirmenchef, Verleger, Produzent, Platin-Album, Freund von Musikern...) und verzweifel' inzwischen, was Presseartikel über das Musikgeschäft angeht: diese fast immer (nicht immer!) deprimierende Ahnungslosigkeit...
Woher sollen es dann die Leser (siehe manch' klägliche Kommentare unter solch' Artikeln) besser wissen?